Keith Williams

17.03.2017

„Du musst es jetzt noch nicht wissen.“

 

Rezension zu Moonlight

 

Spätestens seit der Oscarverleihung am 27.02.2017 und dem denkwürdigen Patzer bei der Verleihung des Goldjungen für den besten Film ist „Moonlight“ in aller Munde. Ob sich der Besuch im Kino lohnr erfahrt ihr hier.

Das Coming-of-Age Drama von Berry Jenkins über einen jungen homosexuellen Schwarzen bietet einen tiefen Einblick in das zwanghaft männliche Rollenverständnis, welches schwarze Männer über Jahrzehnte internalisiert haben. Im Stil eines Minidramas ist der Film in drei Akte aufgeteilt.

i. Little
Der erste Akt zeigt die Hauptperson Chiron (gespielt von Alex Hibbert), der von allen anderen jedoch „Little“ genannt wird, als kleinen Jungen. Schon in den ersten Minuten offenbart sich ein Grundmotiv des Films. Little ist auf der Flucht vor den anderen Jungs, weil er eben anders ist. Zu still und zu sensibel. Nur sein Kindheitsfreund Kevin hält zu ihm. Er findet in einem heruntergekommenen Haus Unterschlupf, wo ihn der Drogendealer Juan (Oscar-Preisträger Mahershala Ali) schließlich findet. Juan nimmt Little unter seine Fittiche und bietet ihm zusammen mit seiner Freundin Teresa (Janelle Monáe) so etwas wie ein zu Hause. Dieses Zuhause findet Little bei seiner alleinerziehenden, drogensüchtigen Mutter nicht. Mit Juan und Teresa findet am Küchentisch ein Gespräch statt, welches noch lange nach dem Film in meinem Kopf blieb.

Little: Was ist eine Schwuchtel?


Juan: Schwuchtel ist ein Wort, das benutzt wird damit Schwule sich schlecht fühlen.


Little: Bin ich eine Schwuchtel?


Juan: Nein. Nein. Du kannst schwul sein, aber du musst dir von niemandem sagen lassen, dass du eine Schwuchtel bist.


Little: Wie weiß, ich dass ich es bin?


Juan: Du weißt es einfach, glaub ich.


Teresa: Du wirst es wissen, wenn du es weißt.


Juan: Hey, du musst es jetzt noch nicht wissen.


Dies ist eine Schlüsselszene, da Little hier zum ersten Mal Akzeptanz erfährt. In diesem Moment wird ihm jedoch auch klar, dass Juan seiner Mutter die Drogen verkauft, die sein Zuhause zu einer Hölle machen.

ii. Chiron
Ein paar Jahre später ist Little ein Jugendlicher, der von seinen Mitschülern nun Chiron genannt wird. Seine Mutter ist tiefer im Drogensumpf denn je. Die anderen Jungs hänseln ihn und belassen es nicht nur bei verbalen Hieben. Als es an einem Tag zu weit geht verliert Chiron die Beherrschung und attackiert seinen Hauptpeiniger mit einem Stuhl. Daraufhin wird er verhaftet.

iii. Black

Chiron (nun gespielt von Trevante Rhodes) der nun den Spitznamen „Black“ trägt, lebt in Atlanta und nutzt das Wissen, das Juan ihm vermacht hat, um Drogen zu verkaufen. Chiron ist groß, stark und hart geworden, sodass man ihn im ersten Moment nicht wiedererkennt. Die entfremdete Beziehung zu seiner Mutter macht ihm immer noch zu schaffen. Äußerlich lebt er ein gutes Leben ohne finanzielle Sorgen. Er erhält eines Abends einen Anruf von Kevin, seinem Freund aus Kindertagen, der immer noch in Liberty City Miami lebt. Nach einem Besuch bei seiner Mutter entschließt sich Chiron spontan dazu, seinen alten Freund zu besuchen. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Fazit:

Moonlight ist ein vielschichtiger Film, der sich mit vielen Themen zugleich befasst: das Verständnis von Männlichkeit in der Lebenswelt von Afroamerikanern, Aufwachsen ohne einen Vater und dem Überwinden der schlechten Startvoraussetzungen im Leben. Dem Prozess der Selbstfindung in einer Welt, von der man nicht akzeptiert wird. Little durchläuft in diesem Prozess drei Stadien. Die Kindheit, die von Vernachlässigung geprägt ist, eine Jugend dominiert von Wut und Gewalt und schließlich Selbsterkenntnis und -verwirklichung im Erwachsenenalter.
Dies ist kein gewöhnliches Popcornkino und wer dies erwartet, wird an Moonlight keine Freude haben. Moonlight bietet Einblicke in eine Welt und Probleme, denen man sich als Heterosexueller oder Weißer vielleicht nicht bewusst ist. Die Auflösung einzelner Probleme kann in den Weiten der einzelnen Themen verlorengehen, da diese Auflösungen nicht von großen Paukenschlägen angekündigt werden. Aufmerksamkeit ist also geboten.
Entlohnt wird diese jedoch mit wunderschönen und manchmal auch schrecklich-schönen Bildern und einer atmosphärisch dichten Geschichte über einen Jungen der sich selbst erst finden muss.

Aus diesem Grund ist Moonlight für mich einer der besten Filme des Jahres 2016, den ihr euch nicht entgehen lassen solltet. – 4,5/5 Sternen

"Moonlight" USA 2016
Regie: Barry Jenkins
Drehbuch: Barry Jenkins, Tarell Alvin McCraney
Darsteller: Mahershala Ali, Alex Hibbert, Aston Sanders, Trevante Rhodes, Naomie Harris, Janelle Monáe, André Holland
Produktion: Plan B, A24
Verleih: DCM
FSK: ab 12 Jahren