Clara-Sophie Unfried

21.09.2017

Studieren mit Kind - voll unfair für die Meerschweinchenbesitzerinnen

Ein Meinungsbeitrag einer alleinerziehenden Studentin über die wirklich wichtigen Fragen an Studierende mit Meerschweinchen.

Als alleinerziehende Mutter ist mein Zeitfenster an der PH ziemlich klein und somit bin ich darauf angewiesen, dass die Seminare, die ich benötige, zwischen 8 und 16 Uhr angeboten werden. Im ersten Semester hatte ich mich für das einzige Englisch-Seminar in eben diesem Zeitfenster eingetragen.  Ich wurde nicht zugelassen, ging trotzdem hin und schilderte der Dozentin meine Situation. Glücklicherweise war sie sehr verständnisvoll und ich durfte bleiben. In den Minuten bis zum Beginn des Seminars hörte ich vor mir zwei Kommilitoninnen sprechen: „Ey, voll unfair. Die mit Kind kommen einfach in Seminare rein, die eigentlich schon voll sind. Ich geh ja auch nicht hin und sage, dass ich ein Meerschweinchen habe und nicht wann anders kann, weil ich es füttern muss.“

Das ist wirklich so passiert und hat mich damals schwer getroffen. Im Zuge dieses Artikels begann ich darüber nachzudenken und stellte mir die folgenden Fragen:
Habe ich als Meerschweinchenbesitzerin ebenfalls das Problem, dass ich im LSF nicht nach Interesse, sondern nach verfügbaren Zeiten Seminare aussuche? Sicherlich haben die besagten Kommilitoninnen auch das Problem, dass der Meerschweinchenhort nur von 7 bis 17 Uhr geöffnet hat, oder? Sollten die beiden jungen Frauen auch 35 Kilometer Anfahrtsstrecke über die A8 und A81 haben, die, wie wir alle nur zu gut wissen, zu den Stoßzeiten immer verstopft ist, dann wären sie auch noch auf die Hilfe von Familienmitgliedern angewiesen. Denn sollte das so sein, dann müssten sie um Viertel vor sieben in ihr Auto steigen, um am ersten Seminar um 8:15 Uhr teilnehmen zu können.  So ein Meerschweinchen kann sich schließlich weder morgens selbstständig Frühstück machen, noch alleine in die Grundschule laufen.

Gehen wir also davon aus, dass sich die Haustierbesitzerinnen im LSF bei den verfügbaren Seminaren eintragen und dann bei der Hälfte nicht angenommen werden. Klar, sie haben die Chance an der PH einen Härtefallantrag zu stellen. Viele Dozierende sind da sehr verständnisvoll und lassen Meerschweinchenbesitzerinnen dann nachträglich trotzdem zu. Es gibt ja schließlich die Härtefallregelung. Diese besagt, dass Lehrveranstaltungen nur zu 80% belegt werden sollten, damit im Nachrückverfahren ebendiese Härtefälle berücksichtigt werden können. Leider ist sie nicht halb so gut geregelt, wie ihr Name versprechen lässt. Es ist die individuelle Entscheidung der Dozentin oder des Dozenten, ob sie diese Studentinnen trotzdem zulassen.

Nun zu meiner nächsten Frage: Müssen Meerschweinchenbesitzerinnen ebenfalls immer und immer wieder Geburtsurkunden des kleinen Heimtiers abschicken, um zu beweisen, dass sie eines oder sogar mehrere haben?
Eine weitere Frage kam mir in den Sinn: Wenn sie also von 8 – 16 Uhr an der PH wären, sich dann durch den Verkehr nach Hause gequält hätten, um das Meerschwein rechtzeitig am Hort abzuholen, müssten sie dann anschließend auch noch aufmerksam und freundlich sein? Der Nager will sicher von seinem Tag erzählen, muss noch ausstehende Hausaufgaben bearbeiten und baden. Das Abendessen muss vorbereitet und eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen werden. Wenn man dann also das Meerschweinchen endlich glücklich, sauber und satt ins Bett gebracht hat, dann fällt es den Studentinnen sicherlich schwer, nicht aufs Sofa zu sitzen und endlich auszuspannen, sondern hinter den Schreibtisch geklemmt, Seminare vor- oder nachzubereiten.

 

So ist das nämlich für die meisten Studierenden mit Kind.
Unsere Leistung sollte anerkannt werden und es ist sicherlich kein Zuckerschlecken. Ich habe das Glück den Rückhalt meiner Familie zu haben und mich in schwierigen Situationen auf sie verlassen zu können. Ich will auch nicht, dass man es mir unfassbar leicht macht. Ich habe mich für diesen Weg entschieden und ich weiß, dass er steinig war, ist und sein wird. Aber wenn dann ab und zu aus dem Freundeskreis jemand sagt: „Hey, Clara, ich ziehe echt den Hut vor dir. Studieren ist ja eh schon nicht ohne, aber du stemmst das kurz und das mit Kind“, dann geht mir das Herz auf. Und genau so etwas, brauchen wir. Keinen Neid und keine unverhältnismäßigen Zugeständnisse. Einfach nur ein bisschen Unterstützung. Und vor allem: Wertschätzung.