Janine Hirsch

21.09.2017

Der Alltag als Lehrer

Lehrer - nachmittags schon Feierabend und drei Monate frei im Jahr. Passiert ihnen mal ein Missgeschick, ist die Welt trotzdem noch in ihrer Umlaufbahn. Und sind wir doch mal ehrlich, Kinder sind doch ganz niedlich, da kann der Beruf doch nur nahezu perfekt sein. Keine Schichtarbeit und zahllose Überstunden – was will man mehr. Koffeinsüchtig und gesprächig – so stellen sich wohl viele Menschen, die selbst noch nicht unterrichtet haben, den Beruf eines Lehrers vor. Noch immer herrscht in vielen Köpfen das Bild eines nahezu relaxten Lehrers, welcher dennoch 3 Monate im Jahr völlig nebenbei sein Grundgehalt bezieht – was für eine Frechheit, oder?! Da fragt man sich doch tatsächlich „Was macht ein Lehrer?“

Doch sehen wir uns doch mal so einen Tagesablauf genauer an… Der Schulalltag beginnt  früh morgens um 7 Uhr. Schon beim Reinlaufen in die Schule strömen die Kleingruppen unterschiedlichen Alters in das Gebäude. Jaqueline, die erst junge 15 Jahre alt ist, muss ermahnt werden, ihre Zigarette sofort wegzuschmeißen.

Weiter, Zeitdruck, in 13 Minuten beginnt der Unterricht und wahrscheinlich wird, wie so oft, wieder eine riesen Schlange voller druckwilliger Lehrer davor stehen und sich die Schlacht um den Drucker zumuten – let the show begin.

Fast angekommen am Lehrerzimmer, schnell noch eine Prügelei von zwei pubertierenden Halbstarken schlichten, weiter, das Ziel fest vor Augen: der Drucker! Kaum im Lehrerzimmer angekommen, kommt der spontane Überfall: „He, könntest du heute ganz spontan die 6a in Mathematik übernehmen? Der Klassenlehrer ist leider krank geworden.“ Natürlich, ich habe zwar gerade so mein Mathematik-Abitur geschafft und mir geschworen, nie wieder etwas mit Zahlen anzufangen – aber gut, durchbeißen, irgendwie wird das schon.

Völlig fertig nach der Schlacht im Kopierraum nun angekommen im Klassenzimmer. Englisch, erste Stunde. Die lernfreudige Meute steht auf, um ein murmelndes: „Guten Morgen“ zu krächzen. So viel Elan am Morgen, kaum zu glauben. Kaum den Tagesplan der heutigen Grammatikstunde erläutert, kommen auch schon die ersten Proteste aus der hintersten Reihe: „Boah, echt jetzt? Könn wa kein Film anschaun oder was altah?“. Augenrollen, tief durchatmen, am Ball bleiben. „Good morning boys and girls, how are you?“ Natürlich keine Antwort, anstatt dessen zahllose Partnergespräche über das endgeile Wochenende oder die überkrasse Party, die mit den Worten: „Boah ich schwör dir, ich war so dicht“ endet. Okay, diesmal lauter, um gegen das Gemurmel anzukommen. „Good morning boys and girls, how are you?“ Natürlich wieder keine Antwort, Mensch, ist das ein Spaß. Dann, die plötzliche Erleuchtung, Freude keimt auf: ein aufgeregtes Strecken in der hintersten Reihe. „Samantha?“ – „Kann ich mal aufs Klo gehn?“. Die Stunde hat zwar erst angefangen, aber klar, wieso auch nicht. Natürlich gehen noch zwei andere Mitschülerinnen mit, weil als alleinige Person wird der Toilettengang auch wirklich kritisch und zu einer Lebensaufgabe, die zu dritt einfach besser gemeistert werden kann.

Jetzt aber, die Grammatikstunde durchziehen, Konzentration auf das Wichtige. „Wer kann erläutern, was wir letzte Stunde gemacht haben?“ Ein Blick in die Runde, jeder scheint auf einmal so beschäftigt zu sein. Der Blickkontakt wird demonstrativ abgewehrt. Dennis, brotpapierraschelnd und mit brösligem Mund in der Ecke sitzend. „Essen weg, gegessen wird in der Pause“.

Der Blick schweift weiter über die interessierte Gruppe. Letzte Reihe, heute nur zwei, die eingeschlafen sind, Jackpot, letztes Mal waren es um diese Uhrzeit schon vier Schüler, die von ihrer Müdigkeit völlig überwältigt worden sind. Das Pausenklingeln – na, wer sagt‘s denn. Auf dem Weg in das Lehrerzimmer – da eine Krankmeldung zugesteckt bekommen, hier mal noch eine – wow, man könnte fast meinen ich hätte eine neue Sammelleidenschaft gefunden. Es ist  Pause.  Auf geht es Richtung Lehrerzimmer, ich brauch unbedingt Koffein.

Angekommen im Lehrerzimmer kommt mir ein Schwall von abgestandener Luft entgegen. Die Lehrer, gackernd und eingezwängt wie die Hühner im Hühnerstall, unterhalten sich, wie schlimm und respektlos der Abdullah doch zu der 65-Jährigen Inge war, die als Lehrerin total überfordert an unserer Schule unterrichtet: „Und stell dir vor, dann traut sich dieser Bengel zu sagen, er hätte nun keinen Bock mein ausgedrucktes Mandala auszumalen. Damals, ich sage es dir, war alles noch besser, als es die D-Mark noch gab!“.

Augenrollend verfolge ich mein Ziel: Kaffee. Zielstrebig laufe ich der Kaffeemaschine entgegen, strecke meine Hände völlig freudig der Kaffeekanne entgegen, nur um geknickt zu merken, dass natürlich der Kaffee schon alle ist. „Lehrer sind einfach so beschäftigt, dass sie nicht mal zwei Minuten Zeit haben, um den scheiß Kaffee nachzufüllen“, rede ich mir zähneknirschend ein. Heute ist ein wundervoller Tag!


Zurück im Lehrerzimmer wage ich einen kurzen Blick in meinen Kalender. Mist! Ich habe vollkommen vergessen, dass morgen eine Klassenarbeit ansteht und wie heißt es so schön: Ein Unglück kommt selten alleine. Die Konferenz heute Mittag habe ich natürlich auch völlig verplant. Da sagt mal jemand, Lehrer wären ordentliche Menschen. Konferenzen, das ist auch so eine Sache für sich, denn etwas Sinnigeres um meine wertvolle Zeit zu nutzen gibt es eigentlich nicht. Alle Lehrer an einem Tisch sitzend, spielen das Spiel: „Wer kann die unsinnigsten Verbesserungsvorschläge bringen“ oder „Wer kann am längsten stundenlang schweigen und Luftlöcher starren“. Da schneide ich immer besonders gut ab.
Meine nächste Stunde: Mathematik! Das wird ein Spaß! Auf dem Weg Richtung Klassenzimmer kommt mir der kurze Gedanke: „Habe ich nicht doch noch einen Film in meiner Tasche einstecken?“.

Ein kurzer Blick in meine Tasche zeigt mir, Mist, ich habe selbst die ganzen Mandalas in den vorherigen Klassen schon verbraten. Mir bleibt nun wohl doch nichts anderes übrig, als heute wirklich Mathematik zu geben. Mathematik, ein Wort, das bei mir ungeahnte, negative Gefühle hervorbringt.


Also gut. Angekommen im Klassenzimmer bekomme ich mit, dass morgen eine Matheklausur ansteht. Natürlich sind die Streber in der ersten Reihe völlig darauf fixiert, nochmal alles rauszuholen und Aufgaben durchzurackern, die selbst der Mathelehrer noch nie gesehen haben kann.

Aufgeregt wuseln die Hände in der ersten Reihe in die Höhe – es sprudelt nur so vor Fragen. Brillenlisa diskutiert ganz aufgeregt mit ihrer Nebensitzerin: „ Enthält die Eulersche Identität wirklich die zufällig auftauchende Naturkonstante Pi und e sowie i?“. Ich bin perplex. Einen kurzen Moment überlege ich, in welcher Sprache sich diese zwei Mädchen unterhalten haben. War das gerade wirklich Deutsch?
Kurzerhand entscheide ich mich: Heute ist die perfekte Stunde um ein Spiel zu spielen. Mein Repertoire besitzt von A-Z lauter tolle Spiele, über die sich die Kinder nur freuen können. Ich entscheide mich für das pädagogisch wertvolle Spiel: Buchstabensalat. Freudig erzähle ich von meiner überragenden Idee, als Chantal, bauchfrei und kaugummikauend in der hintersten Reihe schmatzend und völlig rückhaltend ihre Meinung preisgibt: „Kein Bock auf so nen Scheiß. Bin ich n Kind oder was“. Nein, mit 12 Jahren ist Chantal natürlich schon so gut wie Erwachsen, wie konnte ich das nur vergessen.

Pausenklingeln! Das größte Glück was mir jetzt passieren konnte.


Raus aus dem Klassenzimmer, welches überfüllt von pubertierenden Halbstarken ist und tappe direkt in die nächste Falle, denn draußen wartet ein fuchsiges Elternpaar. Die Mutter hält mir nun im Kurzverfahren den letzten Aufsatz von Kevin unter die Nase und gibt mit lautstarkem Ton an, dass der Kevin sehr wohl die deutsche Sprache besitzt und diese Note wohl total unbegründet ist. Kurzerhand überlege ich, ob ich zugeben soll, dass mir die Idee mit dem Notenwürfeln auch schon ein paar Mal im Kopf rumgeschwirrt ist, entscheide mich dann aber doch dagegen. Ein kurzes: „Vereinbaren sie einen Termin nach der Schule mit mir“ platzt aus mir heraus, während ich meine Beine unter die Arme nehme und schaue, dass ich schleunigst aus dieser unangenehmen Situation entschwinden kann.

Ich habe nun zwar keine Stunde mehr, allerdings begrüßt mich ein Stapel voller Hausarbeiten, Klassenarbeiten, Referate und Prüfungen, welche sich meist nicht von alleine korrigieren. Auf dem Weg dorthin überschlage ich völlig erschöpft die Tage bis zu den nächsten Ferien…